Leihbücherei

 

Meine um 20 Jahre jüngere Frau hat im Waldviertel
ein halb verfallenes Häuschen von einer Tante geerbt.
Gott hab sie selig!

Am Wochenende besichtigen wir die Erbschaft:
Der Grund scheint ein Feuchtmoor zu sein,
die Wände der 40 Quadratmeter-Hütte
sind bis zur Decke durchweicht, alles ist vermodert.

Kein Keller, das lässt der Untergrund nicht zu.
aber es gibt einen Dachboden, den ich
in gebückter Haltung über eine wacklige Leiter betrete.

Viel Gerümpel, noch mehr Dreck und Getier, das sticht
und beißt. Naja, die Tante war knapp hundert und allein.

Neben verrosteten Sicheln, Drahtgitterrollen,
einer aufgeweichten Pappschachtel mit Knöpfen
und ein paar verfaulten Strohhüten
finde ich doch tatsächlich ein Buch.
Ein Buch in dieser Gegend und hier heroben!

Ich die Leiter hinunter, trete ins Freie
und blättere in meinem vergilbten Fund.
Es ist eine Fibel in einer kaum leserlichen Schrift –
alles liegt schief, hat eigenartige Ober- und Unterlängen
und die Texte sind reich bebildert.

Auf der ersten und der letzen Seite und am Deckel
des Buches erkenne ich die Reste
eines verblassten Stempels:
Gemeindebücherei Schrems, kann ich entziffern
und eine Jahreszahl: 1917 !

Kein Zweifel, das Buch hatte es im Ersten Weltkrieg
irgendwie in die kleine Hütte verschlagen
und es fand den Weg zurück in die Bücherei nie mehr.

Ob es diese Bücherei heute noch gibt?
Ob man das Buch dort
seit knapp einem Jahrhundert vermisst?

Tags darauf suche ich die Stadtbibliothek in Schrems auf.
Beim Eingang sitzt ein Fräulein am PC,
ich halte ihr das Buch hin:
“Ich bringe ihnen etwas zurück,
das hierher gehört,
leider hab ich die Entlehnfrist
um ein paar Tage überzogen.“

Die blonde PC-Verwalterin dreht das Buch hin und her,
tippt etwas in ihren Rechner,
blickt mich verwundert an,
tippt wieder, um kurz darauf entgeistert zu melden:
“Sie schulden uns für 88 Jahre 1.897 Euro
an Entlehngebühr, Mahnspesen usw!“

Nun ja, wir haben uns dann mit der Vorsteherin
und der Verwaltung auf eine Sonderreglung geeinigt
und heute hängt das Buch hinter Panzerglas
unweit des Computers mit dem deutlichen Hinweis:

“Bitte entlehnen Sie ein Buch nie so lange,
wie dieses Musterexemplar hier!“

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